Der Fremde in meinem Haus – Über meine Erfahrungen als böse Stiefmutter

Manchmal bin ich geneigt zu glauben, ich hätte meinen Blog nur gestartet, um irgendwann einmal über dieses Thema schreiben zu können. Es liegt schwer auf meinem Herzen und auch wenn jetzt alles anders ist, denke ich oft darüber nach.

Ich bin ein Herzensmensch, ein Bauchfühler, eine Intuistin. Wenn mir etwas querliegt, kann ich es nicht ignorieren, zumindest nicht über längere Zeit. Es frisst mich von innen auf, und es fällt mir schwer, darüber zu reden. Erschwerdend kommt hinzu, dass ich nicht gerne offiziell zugebe, wenn ich etwas nicht kann. Ich bin als Einzelkind in einem nicht sehr harmonischen Elternhaus aufgewachsen. Heftiger Streit, unabsehbare Wutausbrüche meiner Mutter und fragwürdige Strafmaßnahmen bestimmten meinen Alltag. Meine Gedanken und Gefühle behalte ich lieber in mir drin, mein größtes Ventil ist das Schreiben. Ich bin eine stille Person und kann gut mit mir alleine sein, gelte als sehr diplomatisch und gebe oft die Streitschlichterin. Ich kann die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten und versuche, die beste Lösung für alle zu finden. Für Entscheidungen brauche ich ewig, weil ich immer befürchte, am Ende doch die falsche zu treffen. Letztendlich höre ich doch immer auf mein Bauchgefühl, denn erfahrungsgemäß ist auf dieses Verlass. Vernunft, Logik, Rationalismus in wichtigen Herzensdingen? Böhmische Dörfer!

Ich fange an und hole aus: mein Mann hat aus einer früheren Beziehung zwei Kinder, Junge und Mädchen, mittlerweile sind sie Teenager. Die leibliche Mutter, die Ex-Freundin, war mir bereits auf den ersten Blick unsympathisch, das kann daran liegen, dass sie eben die Ex-Freundin meines Mannes ist, oder daran, dass sie kein guter Mensch ist, das kann ich objektiv kaum einschätzen. Nur nebenbei: meine Intuition hat mich noch nie im Stich gelassen. Diese Frau würde ich nicht zur Freundin haben wollen, am liebsten möchte ich sie gar nicht kennen. Geht aber nicht. Die Vorgeschichte meines Mannes und der Mutter seiner Kinder ist eine lange Reihe verschiedenster Unmöglichkeiten, die auch der beste Soap-Schreiber nicht unglaublicher konstruieren könnte. Gemeinsam sind sie sehr jung Eltern geworden, zu jung vielleicht. Über den genauen Hergang der Beziehung und die Ursachen für die Probleme, die uns diese Beziehung heute bereitet, kann ich nur spekulieren. Um die Privatsphäre meines Mannes zu schützen, sehe ich an dieser Stelle von Spekulationen ab. Aus diesem Grund wird dieser Artikel vielleicht schwer nachvollziehbar sein, denn ich werde viele Details auslassen müssen.

Bei unserem ersten „Date“ machte mein Mann damals das einzig Richtige. Mitten in unserem lockeren Gespräch sagte er: „Du, ich habe zwei Kinder.“ Ich war Mitte zwanzig und gerade im Begriff, mich schwer zu verlieben, also zuckte ich obercool mit den Schultern und zerbrach mir nicht weiter den Kopf. Mit Kindern hatte ich nicht viel am Hut, im Freundeskreis gab es noch keine und an eigene Kinder war für mich damals noch nicht zu denken. Die Beziehung wuchs, anfangs pendelten wir noch zwischen Berlin und Dresden, meiner ehemaligen Heimat und meinem Studienort. Wenn ich in Berlin weilte, verbrachten wir so manche Wochenenden gemeinsam mit seinen Kindern, machten Ausflüge und fuhren sogar einmal gemeinsam in den Urlaub. Wir verstanden uns ausgezeichnet, ich verhielt mich wie eine gute Freundin, nicht mehr.

Mein Mann ist selbstständiger Musiker und muss oft an den Wochenenden arbeiten, manchmal ist er ein paar Tage am Stück unterwegs. Hatte er ein Besuchswochenende, dann passte ich auf seine Kids auf, wenn er abends zum Dienst musste. Aufgrund der angespannten Situation der Kindeseltern achteten wir besonders auf Harmonie, es gab keine Pflichten und überhaupt nur wenige Regeln. Die Kinder ließen oft durchblicken, wie es ihnen zu Hause erging und ich hörte von Erziehungsmethoden, die ich sogar als Nicht-Mutter antiquiert fand und als zweifache Mutter auch heute noch verurteile. Allerdings hatte die Kindesmutter sich ja vom Vater getrennt und war daher lange Zeit alleinerziehend; heute kann ich einschätzen, dass allein erziehen eine Mammutaufgabe sein muss, von der viele Mütter zeitweise überfordert sind.

Der Kampf um die Umgänge, also wann, wie oft, wo und wie, wurde immer wieder neu befeuert, nicht zuletzt durch die Unregelmäßigkeiten im Umgang, die sich durch den Beruf meines Mannes nicht vermeiden ließen. Als Selbstständiger gibt es eben keine festen Arbeitszeiten, kein regelmäßiges Gehalt und kaum Sicherheit. Tat mein Mann nicht exakt das, was die Kindesmutter befahl, wurden Umgänge ausgesetzt, sogar Telefonkontakt verboten. Die einfachsten Dinge wurden fürchterlich verkompliziert. Spontan am Nachmittag ein Eis essen gehen? Unmöglich. Der Umzug meines Mannes zu mir nach Dresden machte die Umgänge zwar seltener, dafür aber länger und auch irgendwie schöner. Vor allem aber entfernten wir uns aus dem Wirkungskreis der Kindesmutter und verbrachten so zwei unbeschwertere Jahre im Elbflorenz.

„Sie ist halt eifersüchtig, das gibt sich!“

Die Kindesmutter wurde nicht müde zu betonen, dass das Kindeswohl im Vordergrund stünde. Nach meinen Erfahrungen der letzten acht Jahre, der Summe aller Begegnungen und Ereignisse behaupte ich jedoch, dass das nicht stimmt. Vor allem hat sie die Kinder nicht vor ihrem persönlichen Kampf geschützt, sondern ihm regelmäßig Zunder gegeben. Der Vater sei unzuverlässig, würde den Sohn vorziehen, oder sich wahlweise gar nicht für die Kinder interessieren. Auch der Rest der Familie wurde verbal beleidigt. „Sie ist halt eifersüchtig,“ dachte ich mir, „das gibt sich. „

Nach drei Jahren Beziehung gab sich jedoch gar nichts, es wurde nur schlimmer: Ab dem Moment, da ich offiziell schwanger war und der Hochzeitstermin feststand, verschärfte sich der Ton und die Probleme wurden größer. Nachdem ich meinen Job in Dubai wegen der Schwangerschaft kurzfristig aufgeben musste, zogen mein Mann und ich zurück nach Berlin, um unsere Verwandten in der Nähe zu haben und uns ein neues Leben aufzubauen. Nur wenige Tage vor dem errechneten Geburtstermin verlangte die Ex-Freundin meines Mannes einen gemeinsames Treffen mit allen Beteiligten, inklusive der beiden Kinder und ihrem neuem Partner samt gemeinsamem Baby. Es sollten Umgangstermine für den Rest des Jahres festgelegt werden, ohne dieses Treffen würde kein weiterer Umgang stattfinden. Ob der Schwangerschaftshormone war ich trotzdem gutgelaunt, milde und diplomatisch. Wir machten Vorschläge und ließen uns dazu hinreißen, bis Ende des Jahres Umgangstermine festzulegen, auch wenn das eigentlich unmöglich war und bedeuten würde, dass ich an manchen Wochenenden alleine mit den beiden Großen und einem Baby sein würde. Wir machten gute Mine zu bösem Spiel um Ärger und Streitereien zu vermeiden und unser junges Glück zu schützen.

Zwei Monate nach der Entbindung kam es zu meinem persönlichen Super-Gau: das große Kind, der Sohn, würde zu Hause massive Probleme machen und solle ausziehen. Damals war er 11 Jahre alt. Wir boten an, den Jungen auch unter der Woche an festen Tagen zu uns zu nehmen, um die Spannungen zu Hause ein wenig aufzulösen. Nur wenige Wochen später gab es ein neues Gespräch, viel mehr eine Ansage: Würde der Junge nicht zum Vater ziehen, müsse er in ein Heim.

Welche Probleme tatsächlich bestanden, konnte niemand so genau spezifizieren, ich nehme aber an, dass der Junge sich den autoritären Erziehungsmaßnahmen schlichtweg nicht mehr beugen wollte. Das nennt man wohl Pubertät. Nicht mehr und nicht weniger.

Wer mich gut kennt, der weiß, was passiert, wenn jemand mir das Messer auf die Brust setzt: Ich wehre mich mit Händen und Füßen. Anfangs war ich vehement dagegen, den Jungen bei uns aufzunehmen. Ich kannte die Kindesmutter und fürchtete ihre Methoden. Ich fürchtete um meine Ehe, mein Kind, meinen Seelenfrieden. Mein Herz war ganz und gar bei meinem Baby und ich liebte es, Mutter zu sein. Doch ich hatte viel zu lernen und wollte gemeinsam mit dem Vater meines Kindes in die Rolle hinein wachsen. Meine eigene Kindheit bot mir nicht viel, woran ich mich orientieren oder gar festhalten konnte. Meine Mutter ist nicht unbedingt mein Vorbild, ich wollte einiges anders machen. Das bedeutete auch, sehr viel Zeit in die Mutter-Kind-Beziehung zu investieren. Lange stillen, präsent sein, begleiten, Geduld haben und vor allem: lieben und es auch zeigen, ohne Kompromisse. Frischgebackene Erstling-Mama und Ersatz-irgendetwas für ein Pre-Teen, und das alles innerhalb von drei Monaten? Dieser Aufgabe fühlte ich mich nicht gewachsen und ich war es auch nicht. Man wächst mit seinen Aufgaben, heißt es ja so schön. Oder man geht eben daran kaputt.

Es folgten unzählige Gespräche mit dem Jugendamt sowie erste „Maßnahmen“. Die „Clearing-Beauftragten“ waren meines Erachtens nicht daran interessiert, irgendetwas zu klären, sondern wollten lediglich eine schnelle und vor allem kostengünstige Lösung zur Unterbringung des Kindes zu finden: bei uns, beim Vater. Wirklich zugehört hat uns niemand, unsere Bedenken wurden weder während der Gespräche verbal kommentiert noch in die Gesprächsprotokolle mit aufgenommen.

Letztendlich haben wir nicht daran geglaubt, dass die Mutter ihr erstgeborenes, absolutes Wunschkind tatsächlich weggeben würde. Am Ende des Clearings stand fest, dass die Beziehung zwischen den Kindeseltern festgefahren und eine ausgiebige Familientherapie empfehlenswert sei. Ach was. Das Jugendamt entschied jedoch, den Jungen in eine Wohngemeinschaft zu geben, die sich weit außerhalb Berlins befand. Die offizielle Begründung lautete „Kindeswohlgefährung“, ich persönlich glaube jedoch, die involvierten Mitarbeiter des Jugendamts hatten schlicht die Nase voll. Die Akte dort ist beinahe so alt wie das erste Kind und wahrscheinlich genauso groß, hatte die Kindesmutter doch bislang keinen Behördengang gescheut. Sie bemüht fleißig die Gerichte, verfasst romanlange Berichte und erstattet Anzeigen und Amtsaufsichtsbeschwerden, dass es eine Freude ist, zumindest für sie.

Aufgrund der angespannten Situation zwischen den Kindeseltern sollte der Junge also erst einmal Abstand bekommen bis endlich entschieden würde, welche Lösung für ihn dauerhaft in Frage käme. Der beste Platz für den Jungen wäre bei seiner Mutter, die ihn groß gezogen hatte, da waren sich die Beteiligten einig. Und alle hofften, dass sie mit ein wenig Zeit und Abstand zur Vernunft kommen würde.

Nach beinahe einem Jahr in besagter Einrichtung waren jedoch auch dort die Erzieher mit ihrem Erzieherlatein am Ende: man hätte es nicht geschafft, den Jungen zu integrieren und könne ihn nicht weiter begleiten. Die Mutter bestand auf eine Verlegung in ein anderes Heim, eine Aufnahme in ihr eigenes stand nicht zur Debatte.

Nun kenne ich meinen Mann und wusste, dass ihm vom beim ersten Tag des Heimaufenthalts an, bei jedem Treffen, jedem Besuchswochenende, das Herz brach. Wir entschieden, den Jungen zu uns zu nehmen, unter Tränen, wider meines Bauchgefühls. Die Mutter war auf einmal dagegen, vielleicht aus Prinzip oder weil sie den Jungen lieber weiter „bestraft“ gesehen hätte, in irgendeiner Einrichtung irgendwo weit weg. Nach langem Kampf und etlichen Gesprächen, Anhörungen und Gerichtsverhandlungen durfte der Junge zu uns. Ich hatte mich zuvor in Recherchen gestürzt, wollte zeigen, dass ich stark bin. Wir hatten den Kampf begonnen und jetzt wollten wir kämpfen, so gut wir eben konnten. Doch eigentlich war ich bereits so kraftlos, dass ich nachgab. Wir hatten keine Wahl. Eine weitere Heimunterbringung war auch in meinen Augen keine Option für das Kind. Sagte der gesunde Menschenverstand, rief die Mutter in mir.

Mein Vater bezeichnete mich ob unserer Entscheidung als Held, meine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Meine Schwiegermutter hatte mir bereits eine gehörige Angst eingejagt, sprach vom „Drama des begabten Kindes“ und deutete an, was Schlimmes aus Kindern werde, die von ihren Eltern verstoßen worden waren. Ich interpretierte, dass wir uns sorgen müssten, dass der Junge seiner kleinen Schwester, also meinem wenige Monate alten Mädchen, eines Tages etwas antun könnte, aus Wut darüber, dass er es so schlecht und sie es so gut gehabt habe. Ich war panisch, dachte undenkbare Gedanken, träumte schlecht, heulte jeden Abend alleine auf dem Klo. Ich habe mich dem Druck von außen gebeugt, wohlwissend, dass die Entscheidung nicht alle anderen aus der Bahn werfen könnte, sondern vor allem unsere kleine Familie.

Ich wusste nicht, wer ich sein sollte: Ersatzmama, Freundin, Putzfrau, Unbeteiligte? Was durfte ich sagen, was nicht? Was konnte ich verlangen von einem Kind, das stets nur Opfer der elterlichen Wirrungen war und einem Vater, der jahrelang um Besuchsrechte kämpfte, betreuten und unbetreuten Umgang hatte, aber nie wirklich Vater war, sondern nur Teufel? Heute weiß ich: alles und nichts. Ich war ein Häufchen Elend, eine angeschossene Löwenmutter. Eigentlich scherte mich als frischgebackene Mama nichts mehr als mein kleines Mädchen. Manchmal verstand ich die Welt nicht mehr, ich sehnte mich nach Ruhe und Frieden, ich wollte nur die Zeit mit meinem Kind genießen und die schönen Dinge machen, die junge Eltern eben so tun. Nest bauen, kuscheln, sich am Anblick des schlafenden Kindes nicht satt sehen können. Ganz einfache Dinge eben. Meine Seele war hin- und hergerissen zwischen Mauern bauen und wieder einreißen. Um mich herum sah ich Geister, die meinen Blick vernebelten und meine Seele vergiftet haben.

Ich sehnte mich nach einer Normalität, die sich einfach nicht einstellen wollte. In den Wochen und Tagen vor der Entbindung habe ich immer wieder daran gedacht, dass unser Kind, nur mein erstes Kind war. Ich wusste, dass mein Mann bei der Geburt seines ersten Kindes dabei gewesen war. Als es bei mir soweit war, hätte ich am liebsten des Kreißsaals verwiesen, nach dem Motto, „Du hast schon! Mach ihn mir ja nicht mit deiner blöden Vorgeschichte kaputt, diesen einzigartigen Moment!“ Ich vermisste diese Euphorie, wie ich sie bei anderen werdenden Vätern im Freundeskreis erlebt hatte. Diese bedingungslose Freude und Aufgeregtheit, die Spannung und die Unsicherheit. Überhaupt habe ich mir das ganze Drumherum ums erste Kind irgendwie schöner vorgestellt, wie eine Blase voll purer Glückseligkeit. Seine Familie war nicht gerade euphorisch, als sie von meiner Schwangerschaft erfuhr. In ihren Gesichtern standen Dinge geschrieben wie „Toll, noch ein Kind. Gibt’s auch spannendere Neuigkeiten?“ und „Ob es diesmal hält? Er müsste immerhin Unterhalt für drei Kinder bezahlen, wenn’s wieder schief geht.“ Vielleicht habe ich überinterpretiert. Doch allein der Gedanke, dass mein Mann die ersten Wunder mit einer anderen Frau und gemeinsamen Kind längst schon erlebt hat, treibt mir noch heute Tränen in die Augen, wenn ich ihn zulasse. Mein Mann fand meine Sorgen und Vorwürfe haltlos. Ich finde, dass es jedem Menschen selbst überlassen ist, was er oder sie fühlt. Natürlich finde ich mich egoistisch, weil ich mein Wohl über das seiner ersten beiden Kinder stelle. Und doch es ist es meine allererste Pflicht, mich um meine Kinder zu kümmern. Als glückliche Frau ist das um einiges leichter.

„Du wusstest doch, worauf du dich einlässt. Also komm damit klar.“

Um uns herum wurden viele erste Kinder geboren und jedes Mal war ich neidisch auf das perfekte Glück, die vermeintliche Normalität. Leider neige ich eher dazu, still zu sein als andere mit meinen Sorgen oder meinem Ärger zu konfrontieren. Und so weinte ich eben heimlich und tat nichts gegen mein stetig wachsendes Misstrauen der Familie meines Mannes gegenüber. Ich ließ es einfach geschehen. Über diese Erfahrung habe ich es aufgegeben, eine gute (Schwieger-)Tochter sein zu wollen. Meine Priorität ist, eine gute Mutter für meine Kinder zu sein. Als ich über die Idee, den Jungen zu uns zu holen nicht sofort in Begeisterungsstürme ausbrach, fielen Sätze wie „Du wusstest doch, worauf du dich einlässt. Also komm damit klar.“ Nein, liebe Familie, das wusste ich nicht. Wer weiß, was wäre wenn. Hätte ich mich damals gegen die Beziehung entschieden, dann gäbe es unsere beiden Kinder nicht. Daher kann ich nur sagen: ich habe alles richtig gemacht.

Es kam also der Tag, an dem der Junge zu uns zog. Das Kind war da und forderte, was ihm zustand. Liebe, Aufmerksamkeit, Anerkennung. Heute glaube ich, dass das Timing einfach beschissen war. Ich wurde innerhalb weniger Monate gleich zweimal Mama und konnte keine der beiden Rollen vernünftig ausfüllen, zumindest so, wie ich es dachte, es zu müssen. Ein dreiviertel Jahr später kam unser zweites Kind, unser Sohn, zur Welt, und ich war wieder ein bisschen glücklicher. Doch eigentlich wurde ich niemandem wirklich gerecht, weder dem großen Kind, noch den beiden Kleinen, nicht meinem Mann, nicht mir selbst. Ich gab mir Mühe, habe vom großen Kind nur das verlangt, was ich für angemessen hielt: Schularbeiten machen, ab und zu im Alltag helfen, eine feste Aufgabe im Haushalt in der Woche. Ansonsten high life und Konfetti. Ich war jeden Tag da, wir quatschten über dies und das, ich half ihm bei den Schularbeiten, erinnerte ihn daran was es bedeutet, als „richtige “ Familie zusammen zu leben. Es gab Rechte und Pflichten, vor allem aber viele Freiheiten, für ihn wahrscheinlich mehr denn je. Bis auf ein paar Treffen zur Begleitung der Eingewöhnung haben wir alle Therapeuten zum Teufel geschickt. Wir waren uns sicher, dass der Junge einfach mal eine Pause davon braucht, dass ihn jemand unmöglich findet. Wir dachten, mit ganz viel Liebe könnten wir die Wunden heilen, die der jahrelange Stress zwischen seinen Eltern hinterlassen hat. Der Junge hatte es, glaube ich, von Anfang an schwer, denn die Mutter ließ den gesamten Groll auf ihren Exfreund an ihrem Sohn aus. Ich habe den Eindruck, dass sie nicht nur über die Maßen streng war, sondern auch inkonsequent und ungerecht. Die Großen berichteten abenteuerliche Dinge aus ihrem Alltag, über einer Mutter die log, tobte, brüllte und fluchte. Sie schimpfte anscheinend über alles und jeden, über den Penner vorm Lidl, über die Lehrer, die Schulleiter, die Ampelschaltung, die Therapeuten, das Wetter, die Familie, das Jugendamt. Auch über die eigenen Kinder schimpfte sie, ihren Sohn vor allem, der ja so sehr nach dem furchtbaren Vater kommen würde. Sie zog mehrmals vor Gericht, immer auf Staatskosten. Jahrelang.

Einmal im Jahr steht die Polizei vor unserer Tür und beschlagnahmt unsere Steuerordner und Kontoauszüge, weil die Kindesmutter behauptet, mein Mann hätte viel mehr Unterhalt zahlen müssen und diese Behauptung Grund genug für eine Anzeige ist. Jedes Mal wird die Klage fallen gelassen, doch wird sie des Versuchens nicht müde. Ich hingegen bin sehr müde. Ich bin mürbe geworden, habe aufgegeben zu kämpfen. Diese Frau war und ist uns immer einen Schritt voraus. Wir waren absolut nicht fähig zu antizipieren, was als nächstes kommen würde, dabei halte ich uns nicht für dumm, nur für weniger verdorben und weniger verbittert. Das alleinige Sorgerecht hat sie dennoch verloren. Ich glaube, das war unser einziger Sieg.

Die Kindesmutter selbst hat bislang keinen einzigen Cent Unterhalt für ihren Sohn gezahlt, auf das Angebot, gegenseitig auf Unterhaltszahlungen zu verzichten, da der gemeinsame Sohn beim Vater und die gemeinsame Tochter bei der Mutter wohnt, ging sie nicht ein. Der öffentliche Kampf scheint ihr Spaß zu machen. Die beiden großen Kinder sind alt genug, um alles mitzubekommen. Sie betont es, statt es zu deckeln. Ich mag nicht mehr. Bin erschlagen von soviel Bosheit. Aber vor allem bin ich mürbe vom Grübeln darüber, der Disharmonie, von unseren stundenlangen Gesprächen zu diesem einen, immerwährenden Thema, das unsere Beziehung seit Jahren zunehmend belastet.

Das Leben, der Alltag mit dem Großen fiel mir unglaublich schwer, denn ich konnte ihn nicht lieben und fühlte mich schlecht. Ich konnte ihm seine Sorgen und schlechten Erfahrungen nicht nehmen und fühlte mich hilflos. Ich konnte mit seinen Teenagerallüren, und seinen Attitüden nicht umgehen und fühlte mich machtlos.

Vor ungefähr einem Jahr war ich dann an genau dem Punkt, den ich habe kommen sehen. Das Leben zu fünft wurde für mich zur Qual. Besser gesagt, zu einem Spießrutenlauf, hin und her zwischen den eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen und den Erwartungen der Anderen, die viel forderten, aber wenig geben konnten. Hätte ich am Tag der Entscheidung gewusst, dass ich wieder schwanger bin, hätte ich wohl einen anderen Kampf geführt. Für mich, meine Kinder und meine Ehe. Doch als wir den Prozess, im wahrsten Sinne des Wortes, erst einmal angeschoben hatten, konnten und wollten wir ihn nicht mehr stoppen, die Enttäuschung wäre zu groß gewesen. Wahrscheinlich war ich auch schwangerschaftshormonbedingt so optimistisch, denn zu dieser Zeit dachte ich wirklich, dass ich das alles schaffen könnte. Wir das schaffen können, gemeinsam, mit der ganzen Familie. Was jedoch Wirklichkeit war, fühlte sich an wie ein sehr einsamer Krieg an zu vielen Fronten.

Ich sehnte mich nach Harmonie, und die gab es im unserem Alltag schon längst nicht mehr. Der Junge wurde zum Teenager mit den typischen Teenagerproblemen, während sein Vater, mein Mann, drei Tage in der Woche nachmittags arbeiten war und nach wie vor an vielen Wochenenden gar nicht zu Hause sein konnte. Teenagerprobleme sind sehr weit entfernt von Babyproblemen, und mich hätte dieser Spagat beinahe zerrissen. Ich sollte nicht nur die Mutter, sondern eigentlich auch den Vater ersetzen. Job ist Job, aber mit Verantwortung und Vaterschaft, mit Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung hat das nicht viel zu tun. Mein Mann und ich stritten uns ständig, meist ging es um kleine, alltägliche Dinge, um Regeln wie Handynutzung oder Schulaufgaben. Regeln, die ich aufstellte und andere wieder außer Kraft setzten, obwohl ich diejenige war, die den Haushalt führte und die Familie zusammen hielt. Ich war totunglücklich und niemand wollte etwas gemerkt haben.

Ich habe es letztendlich nicht geschafft, eine gute Stiefmutter zu sein, oder wenigstens irgendetwas in die Richtung. Ich habe versagt. Ich bin die böse Stiefmutter, die aus Hänsel und Gretel. Ich habe meine eigenen Gefühle und mein persönliches Leid nicht hintenan gestellt.

Ich habe mich jeden Tag mies gefühlt, jeden Tag beschissener, am Ende steckte ich in einer Depression, aus der ich erst langsam hinaus finde. Babystepsmäßig. Ich bin froh und beschämt zugleich. Der Junge wohnt nun, nur drei Minuten entfernt, bei seiner Oma, meiner Schwiegermutter. In der für uns sehr schweren Zeit bestand ihre Unterstützung hauptsächlich aus der Kritik meiner „Erziehungsmethoden“, meiner Haushaltsführung und überhaupt meiner Person. Als die leibliche Mutter so langsam von der Bildfläche verschwand, tauchte sie als neue Querschlägerin auf. Ich ging schachmatt. „Dann mach es doch besser!“, dachte ich, und suchte das Gespräch. Die Beziehung steht auf dem Spiel, gab ich zu, und dass ich so nicht weiter machen kann. Konsequenterweise willigte sie ein, den Jungen bei sich aufzunehmen. Dafür bin ich ihr heute, trotz aller bestehenden Differenzen, unglaublich dankbar.

Am Ende ist und bleibt das eigentliche Opfer das große Kind, das für alle Irrungen nichts kann und auch einfach nur so akzeptiert werden möchte, wie es ist. Auch wenn er bei seiner Oma einen glücklichen Eindruck macht, werden die letzten Jahre blöde Spuren hinterlassen haben, an denen auch ich Schuld bin.

Ich bin nur ein Mensch und kann und will mich nicht über meine Gefühle hinwegsetzen. Und so sind wir eine Patchwork-Familie, die nicht gut zusammen gewebt werden konnte, in der alle Beteiligten die Verlierer sind. Mein Schwiegervater schien aus alle Wolken zu fallen, „Hättest Du doch früher was gesagt!“, so seine Reaktion. Das habe ich, nur war ich nicht laut genug, wie so oft. Es konnte auch keiner hören, denn jeder war auch immer vorrangig mit seinen eigenen Problemen beschäftigt. Es war zwar offensichtlich, dass es mir nicht gut ging, doch ließ sich keiner dazu hinreißen, auch nur etwas Nettes zu sagen. Ein „Du schaffst das!“ oder „Können wir dich irgendwie unterstützen?“ hätten mir vielleicht sogar ein bisschen geholfen. Doch niemand konnte oder wollte sich in die Lage einer Frau versetzen, die sich als himmelhochjauchzende Mama fühlen will, aber es nicht kann. Die das neue Leben in vollen Zügen genießen möchte, aber ständig daran erinnert wird, dass das Leben ja gar kein Ponyhof ist, nie.

Ich schaue auf die ersten Monate mit meiner Tochter und auf die meinem Sohn zurück und sehe sehr viel Traurigkeit, die da gar nicht hingehört. Zwei gesunde Kinder – was will man mehr? Ja, was wollte ich mehr? Mich sicher fühlen in meinen vier Wänden, meinen Kindern die Geborgenheit schenken, die sie verdienen. Glücklich sein, lachen und diese unwiederbringliche Zeit voll auskosten.

Vor den Kindern habe ich mir meine innere Zerrissenheit nicht anmerken lassen, ich habe die Interessen des Großen oft denen der Kleinen vorgezogen oder sie gemaßregelt, damit er nicht das Gefühl hat, er würde benachteiligt. Auch das hat weh getan. Und so hat mich zwei Jahre lang ein tiefer Schmerz begleitet. Ich habe die Notbremse gezogen, weil ich nicht mehr ich war und auch keine Zukunft gesehen habe. Ich hätte gehen können, klar, doch ich wollte nicht zwei weitere Kinder für das Unvermögen von uns Erwachsenen bestrafen, die wir unsere Probleme nicht vernünftig lösen können. Die beiden, meine Madame und mein Monsieur, lieben und brauchen ihren Papa. Ich liebe ihren Papa, auch wenn ich ihn manchmal verabscheut habe wegen des Schmerzens, den er in mir verursacht hat. Ich sehe jedoch keine triftigen Grund dafür, meine Kinder von ihrem Vater zu trennen. Sie lieben übrigens auch ihre großen Geschwister, was mir zwar manchmal einen Stich ins Herz versetzt, ich aber trotzdem nur unterstützen kann. Sie haben zwei große Geschwister, und das ist toll. Punkt.

Es ist offensichtlich, dass die Leidtragenden einer dysfunktionalen Elternbeziehung immer die Kinder sind. Ich habe mich für meine Kinder entschieden, aber gegen die Kinder meines Mannes, irgendwie. Ich weiß, dass es andere Mütter da draußen gibt, die es besser gemacht haben. Ich kenne nur leider keine, die mir gezeigt hätten, wie das geht.

Es tut gut, mir diese Gedanken von der Seele zu schreiben. Ich bin erleichtert, habe wieder neue Erkenntnisse gewonnen und habe ein bisschen Unglück einfach hier liegen lassen. Mein Weg führt mal wieder eher über die Schrift denn über das gesprochene Wort, und jetzt müssen andere damit leben, so wie ich mit Menschen leben muss, die überhaupt nicht zuhören können, unheimlich viel quasseln ohne wirklich etwas zu tun oder denen es an Empathie mangelt. Macht ja auch keiner eine Therapie dagegen.

Ende meines Seelenstriptease. Danke, dass ihr mitgelesen habt.

Wenn ihr mögt und jemanden kennt, die jemanden kennt, für die dieser Artikel entweder interessant oder hanebüchen ist, dann teilt ihn gerne. Stellt Fragen. Vielleicht finden sich auf diesem Wege auch andere Mütter, denen es ähnlich geht, und vielleicht können wir uns austauschen und einander unterstützen. Die Gedanken sind frei.

Eure Jasmin

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5 thoughts

    1. Danke Dir! Ich denke auch, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht…hoffentlich kann ich diejenigen erreichen, die ebenso fühlen und sie ermutigen, nicht alles still zu ertragen und sich schlecht zu fühlen. Davon hat am Ende nämlich keiner was. Mütter ertragen vieles, haben eben aber auch ihre Grenzen. Bei mir waren diese einfach ausgereizt und ich bin froh, mir offiziell den Frust von der Seele geschrieben zu haben.
      Liebe Grüße!

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  1. In der Tat, Wow! Anfangs dachte ich, oh ja, das kommt mir alles sehr bekannt vor… Der Freund mit Kind und die ewigen Probleme mit der psycho Ex, die die Kinder als Druckmittel benutzt… Doch bei mir kamen keine eigenen Kinder dazu und ich habe in den Beziehungen früh die Reißleine gezogen. Hut ab vor deiner Ausdauer. Und du hast recht: Du selbst und deine eigenen Kinder müssen für dich an erster Stelle stehen. Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die Zukunft!

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    1. Ich danke Dir für Deine lieben Worte! Es scheint gar nicht so selten zu sein, daß Frauen die Kinder als Druckmittel benutzen, das finde ich sehr bedenklich. Die Kinder gegen den Vater auszuspielen sollte ein no-go sein und schadet langfristig bestimmt auch der Mutter-Kind-Beziehung. Gut, dass Du es geschafft hast, Dich rechtzeitig von ungesunden Beziehungen zu lösen, das erfordert oft sehr viel Kraft! Alles Gute auch für Dich weiterhin!

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