Goodbye, Deutschland! Ich bin dann mal duschen.

Im Zuge des heutigen Weltverbrauchertages soll es um ein Thema gehen, das mir schon lange auf der Seele brennt: Die „Bio-Masche“. Deswegen nehme ich euch heute mit unter die Dusche und wasche euch mal gehörig den Kopf, muhaha!

Im Ernst: Seitdem ich Kinder habe, hat sich mein Blick auf die Welt sehr verändert, meine Sinne haben sich geschärft. Ich mache mir viele Gedanken um die Zukunft unseres Planeten und überlege, wie ich aktiv etwas für den Schutz der Umwelt und den Erhalt der Ressourcen tun kann. Ich konsumiere bewusster, regionaler, überhaupt weniger. Und gerade, als ich glaubte, auf dem richtigen Weg zu sein, kam der nächste Hammer: Ein Bio-Bauernhof, in dem Tiere verhungern, Arsen in Bio-Reiswaffeln, Bio-Kosmetik, die als „vegan“ angepriesen wird, aber nicht zwangsläufig tierversuchsfrei ist. Am Ende steht die traurige Erkenntnis, dass auch hinter den unzähligen Bio-Produkten nur Unternehmen stehen, die Profit machen wollen. Auf Kosten der Verbaucher, versteht sich.

Heute begeben wir uns auf eine Expedition in ferne Länder, wir reisen ins Amazonasgebiet, nach Peru und in die Regenwälder Asiens. Ganz bequem von der heimischen Brause aus. Ich packe also meinen Koffer und nehme mit: Meinen Kumpel die Inka-Nuss, ein bisschen Camu-Camu und einen Hauch Bio-Baumwolle. Diese Zutaten sind nämlich die Hauptdarsteller auf dem Bild meines neuesten Bio-Duschgels! Ein Blick auf die Liste der Ingredenzien verrät Näheres: es handelt sich um drei verschiedene Öle, die alle klingen, als hätten sie eine sehr, sehr weite Reise hinter sich. Bei einem Bio-Duschgel finde ich das zwar befremdlich, denn „bio“ bedeutet für mich nicht „exotisch“, sondern eher „regional“ und „nachhaltig“, aber was weiß ich schon. Gehen wir der Sache mal auf den Grund.

Der Duschgelkauf. In der Drogerie lasse ich mich von dem übertrieben langen Regal voller kreischbunter Duschgelfässchen längst nicht mehr irritieren. Meine Erfahrung lehrt mich: Je bunter das Bildchen, umso weniger möchte ich mich mit dem Packungsinhalt waschen müssen. Da können noch so viele Flamingos und Einhörner drin sein. Auch Glitzer finde ich sehr verdächtig. Die Düfte sind meistens so süß, so aufdringlich, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie ich sie über längere Zeit ertragen soll. Jean-Baptiste Grenouille würde bei so vielen Gerüchen wohl entweder ein Freudentänzchen aufführen, oder aber sich direkt in die Auslage übergeben.

Meine eigens entwickelte und ultimative und Entscheidungshilfe ist die klassische Riechprobe. Ich nehme das Duschgel aus dem Regal und ploppe den Deckel auf. Dann drücke ich sanft und mittig (es könnte sein, dass ich das ein oder andere Mal etwas zu fest gedrückt habe und mir ein Schlatz Duschgel ins Auge geschossen kam) und nehme eine Nase. Riecht es gut, unaufdringlich, weitestgehend erträglich? Gut. Ist es „bio“ und kostet weniger als 10 Euro pro Milliliter? Gekauft. Eins habe ich jedoch noch nie getan: Die blumigen Beschreibungen auf der Rückseite der Verpackung lesen. Bis gestern. Hätte es ich es mal lieber dabei belassen. Ich könnte in diesem Moment so schön den dritten Teil der 1000 Fragen beantworten…

Nun ist es also doch passiert, in einer Sekunde der Unachtsamkeit. Auf dem Sterbebett liegend soll Goethe noch an den Verstand gesunder Menschen appelliert haben: „Und lies niemals, niemals!, die rückwändigen Ergüsse der hiesigen Werbepoeten und Buchstabenjongleure“. Doch wann kommen wir eigentlich dazu, den Quatsch zu lesen? Im Moment größtmöglicher Verletzlichkeit natürlich: allein, nackt und triefend in unserer Duschkabine. Zu spät. Hätte ich nur den Mumm gehabt, mir diese wortreiche Beweihräucherung einer Waschsubstanz schon IM Laden anzusehen! Wahrscheinlich hätte ich das Produkt sofort angewidert in die nächste Ecke geschmissen und wäre zum Regal mit der Kernseife gerannt, denn die Beschreibung der mir bevorstehenden Waschung ist eine Hymne der Speichelleckerei. Ich zitiere:

„Jede Haut verdient eine individuelle Pflege.“

Ach. Ich bin beruhigt, dass dieses Duschgel so perfekt auf mich und meine helle, trockene und leicht reizbare Haut Mitte dreißig abgestimmt ist. Außerdem habe ich eine Laktoseunverträglichkeit und esse nicht gerne Oliven. Aber das weiß mein Duschgel sicher schon. Ich werde nun also angehalten, Folgendes zu tun:

„Genießen Sie das zauberhaft-milde Reinigungserlebnis … blabla… wertvolles Öl … bla bla … Bio-Extrakt … bla bla … frischer Bettlaken-Duft (oder so ähnlich) … bla bla.“

Das Reinigungserlebnis. REINIGUNGSERLEBNIS! Noch dazu ein zauberhaftes. Wer schon eimal in einem amerkanischen Motel für 30 Dollar die Nacht die Haare des Vormieters von den angeschimmelten Fliesen gekratzt hat, der weiß, dass man sich NACH einer Dusche sogar dreckiger fühlen kann, als davor. Natürlich teilen nicht viele Menschen diese besondere Erfahrung. Doch auch hierzulande existiert Schimmel nicht nur auf Edelkäse, vor allem, wenn der Vermieter meint, man würde zu wenig lüften.

Ich empfinde diese blümerante Beschreibung als sehr abschreckend und stehe kurz davor, den Verbraucherschutz wegen „Phrasendrescherei“ und „mutwilliger Täuschung“ hinzuzuziehen. Mir schnödes Duschen als „Reinigungserlebnis“ zu verkaufen, das ist schon was. Genauso gut könnte mir mein amphibischer Neutralreiniger das „verkrustete Flecken unterm Hochstuhl meines zweijährigen Sohnes mit dem Spachtel wegkratzen“ als „Reinigungserlebnis“ verkaufen. Wobei, das wäre sogar naheliegender, wenn man sich die vorher-nachher-Bilder mal ansieht.

Da ich als zweifache Mutter natürlich absolut nichts Besseres zu tun habe, schaue ich mir die Liste der wertvollen Inhaltsstoffe einmal genauer an. Ich stelle fest, dass ich völlig ungebildet bin. Ich weiß weder etwas über die Inka-Nuss, noch habe ich auch nur die geringste Vorstellung von den heilenden Kräften der oder des Camu Camu. Auch der versprochene Baumwoll-Duft triggert keine nennenswert-heimelige Erinnerung in meinem Gehirn.

Informativer ist der Hinweis auf alles, was NICHT in meinem Duschgel vorhanden ist, also „synthetische Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe, Silikone, Paraffine und andere Mineralölprodukte“. Mein Säuberungsassistent kommt also wenigstens ohne die ganz schlimmen Inhaltsstoffe aus, wie Parabene (Konservierungsstoffe, potenziell krebserregend), Tenside (als Emulgatoren, allergieauslösend), Mineralöle (hautschädigend), Mikroplastik (umweltschädlich) und Palmöl (you know). Die Hinweise auf „kontrolliert biologischen Anbau“ und den „Bezug der Rohstoffe aus Wildsammlungen“ beruhigen mein Gewissen einmal mehr.

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Die Zutaten. Die lateinischen Bezeichnungen in der Liste der Inhaltsstoffe läuten bei mir Hinterwäldlerin abermals keine Glocken. Aus Witz und weil mir noch immer grässlich langweilig ist, google ich mich durch die Zutatenliste. Erhelle mich, Wikipedia!

„Plukenetia Volubilis“ meint also die Inka-Nuss, eine mehrjährige Pflanze, die in den Regenwäldern Südamerikas beheimatet ist. Mein Gewissen beunruhigt sich wieder: Sollten wir diese Pflanze nicht einfach an Ort und Stelle belassen, in den Regenwäldern Südamerikas, dort wo sie hingehört? Meinetwegen muss da eigentlich niemand durch die Vegetation trampeln, gebe ich zu bedenken.

„Gossypium Herbaceum“ ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Baumwolle und stammt aus dem tropischen Asien. Daher der „Cotton-Duft“? Mein Stirn verbleibt in verrunzeltem Zustand. Ich weiß immer noch nicht, wie und ob Baumwolle überhaupt riecht. Cotton – diesen Duft haben mir immerhin bereits eine Kerze, ein Deodorant und ein Weichspüler versprochen, mit olfaktorisch sehr unterschiedlichem Ausgang. Ich mutmaße, dass „Cotton-Duft“ den Geruch frischgewaschener Wäsche suggerieren soll. Jeder Mensch assoziiert damit einen anderen, doch stets positiv konnotierten, Geruch. Das ist sehr bequem für die Marketingabteilung.

„Myrciaria Dubia,“ auch bekannt als Camu Camu, stammt aus der Familie der Myrtengewächse und ist in der westlichen Amazonasregion heimisch. Die Früchte der Camu Camu-Pflanze zeichnen sich durch ihren außerdordentlich hohen Vitamin C-Gehalt aus und sind sehr reich an Eisen. Es besteht ein wachsender Bedarf an dieser Pflanze, die in Südamerika als Aphrodisiakum gilt und in Europa natürlich als Nahrungsergänzungsmittel große Erfolge feiert. Selbstredend hinkt wegen der großen Nachfrage ihre Kultivierung hinterher, verrät mir Wikipedia. Der unvermeidliche Raubbau führte zwangsläufig zum Aussterben verschiedener Fischarten, deren Nahrungsquelle die Früchte der Camu Camu-Pflanze sind. Plötzlich klingen „Wildsammlungen“ gar nicht mehr so Hildegard-von-Bingen-mäßig verlockend. Da ich absolut nicht vorhabe, das Duschgel zu verzehren und auch das viele Vitamin C nicht durch meine Poren veratmen kann, kann diese Zutat absolut keinen positiven Effekt auf meine Gesundheit ausüben. Soll sie doch bleiben, wo sie der Fisch frisst, sinniere ich. DAS fände ich viel mehr „bio“.

Eine weitere spannende Zutat ist „Helianthus Annuus“ (ein Schelm, wer hier schmuzeln muss!). Es stellt sich heraus, dass sich hinter diesem Namen nichts weiter verbirgt als die stinknormale, Entschuldigung, „gewöhnliche“ Sonnenblume. Dass so eine schnöde Pflanze es zwischen den ganzen außerirdischen Superstars überhaupt in dieses Duschgel geschafft hat, ist schon kurios. Bestimmt durfte sie nur nicht mit auf das illustre Klassenfoto auf der Vorderseite, weil sie sonst zu viele Verbraucher abgeschreckt hätte, dieses heimische Kraut. „Gottseidank,“ denke ich mutig, „wenigstens einer der Zutaten bin ich bereits im echten Leben angesichtig geworden.“ Ich überlege, ob der europäische Karpfen nun wohl andere Kerne umständlich pulen muss, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder, weil ich noch nie ein Karpfen habe Sonnenblumenkernhüllenfitzel ausspucken sehen.

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Die Erkenntnis. Meine Rechereche hat dazu geführt, dass ich mein Bio-Duschgel fortan mit ungutem Gefühl verwende. Reinigungserlebnis hin oder her, die exotischen Zusätze machen mich nachdenklich. Ich wäre nämlich auch mit Ingredenzien zufrieden gewesen, die keinem Tier die Nahrungsgrundlage raubt. Kamille oder so. Denn auch wenn noch so viele Superfrüchte enthalten sind, letztendlich haben sie doch keinen Effekt auf meine Hautgesundheit. Es könnten auch Spinat, Brokkoli, Äpfel, Birnen, Grünkohl und Holunderbeeren mein Reinigungserlebnis optimieren wollen, eine gesunde Ernährung ließe sich wohl trotzdem nicht vermeiden. Am Ende meines Exkurses stellt sich gar heraus, dass Duschgel gänzlich überflüssig ist. Mein Kopf raucht.

Das Beste für meine Haut ist auch das Beste für unsere Umwelt, resümiere ich. Weniger ist wieder einmal mehr, ich werde wohl zukünftig mit Seife duschen müssen, die ich, wie Omma Unke ihrerzeit, in einen Seifenbeutel platziere. Ist wieder mal ganz was Neues. Fun fact: Seit einigen Monaten verzichte ich vollständig auf Conditioner, meine Haare sind seither meine größten Fans, beinahe täglich erreichen mich ganz haarvorragende Dankesbriefe.

Es ist unvermeidlich, dass ich jetzt mein Shampoo auf dem Kieker habe. Ich bin gespannt, in welche Sinnkrise mich dieses Unterfangen nun stürzen wird.

Will sagen: start making a difference! Kauft mit Köpfchen! Achtet auf die Umwelt, es soll ja auch die eurer Kinder und Kindeskinder sein. Glaubt nicht alles, was euch die Industrie weismachen möchte – sie ist am Profit interessiert und muss fürchten, dass wir alle eines Tages doch zur Vernunft kommen, sollte wider Erwarten der Cotton-Duft dabei versagen, unser Gehirn zu vernebeln. Es ist immer eine gute Sache, den eigenen Konsum zu überdenken: es spart Geld, reduziert den Abfall und schont die Umwelt. Man könnte auch weniger und kürzer duschen oder beim Zähne putzen das Wasser abstellen. Bei mir rollen sich nämlich die Zehennägel nach oben, wenn ich das sehe.

Im Namen unseres Planeten bedanke ich mich schon heute für eure Vernunft und verbleibe in der Hoffnung, euch ein zauberhaftes Leseerlebnis beschert zu haben!

Eure Jasmin

PS: Zum Thema Nachhaltigkeit möchte ich euch gerne folgende Bloggerkolleginnen ans Herz legen: www.mama-denkt.de, http://franzischaedel.de/ sowie als auch https://suchtdasglueck.at/

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3 thoughts

  1. Sehr gelungener Artikel! Ich versuche auch möglichst Bio-Produkte zu kaufen. Aber ich gebe dir vollkommen recht – das Bio-Siegel allein ist nicht wirklich aussagekräftig. Idealerweise sollte man sich, wie du, über die Zutaten, Unternehmensphilosophie, etc. informieren. Leider bin ich dafür im Alltag zu oft zu faul 😦 Dafür sollte ich mir wirklich mehr Zeit nehmen …
    Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke Dir! Ich glaube, dass viele Unternehmen auch gerade darauf spekulieren: die Wenigsten haben Lust, geschweige denn die Zeit, sich genauer mit dem, was wirklich drin ist, zu beschäftigen. Außen hui, innen pfui, so ist es doch leider oft🙄 ich entscheide mich tatsächlich immer öfter für’s weglassen statt kaufen😂

      Liebe Grüße zurück!

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Jasmin,
    ja das ist schon ein spannendes Thema und auch ziemlich erschreckend, wenn man sich näher damit beschäftigt. Besonders schade find ich, dass man ja oft was Gutes tun will (oder zumindest sein eigenes Gewissen beruhigen möchte) mit dem Kauf von zertifizierten Produkten und trotzdem gibt es noch genug schwarze Schafe, die dank schön klingenden Marketing-Maßnahmen ganz schön viel Augenwischerei betreiben. Nichtsdestotrotz glaub ich, dass Bio-Produkte generell besser sind als konventionelle und man eben nicht alles perfekt machen kann als Konsument. Aber wie immer im Leben: Wissen ist Macht 🙂
    Liebe Grüße,
    Corinna
    http://www.kissenundkarma.de

    Gefällt 1 Person

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