Alles, was du über Go-Parenting wissen musst

Go-Parenting, das ist der neue heiße Scheiß im Dschungel der Erziehungsstile, der ultimative Weg zum glücklichen Kind, das Nonplusultra. Es ist in aller Munde. Die renommiertesten Pädagogen des gesamten Universums sind sich einig: Das ist es. So wird’s von nun an gemacht, und unsere Welt wird eine bessere. Ein Aufschrei der Erleichterung geht durch die Medien. Endlich, endlich, haben wir Erziehung in eine perfekte Form gegossen. Es so einfach, wie genial. Studienpläne werden komplett überarbeitet. Elternforen mögen bitte schließen, Erziehungsratgeber können getrost zu Nachttischen verbaut werden. Wir brauchen das alles nicht mehr. Wir sind Eltern!

Doch was bedeutet go-Parenting?

„Go“ ist englisch und steht für „gut-oriented“, also für „bauchorientierte“ bzw. „intuitive“ Erziehung. Endlich, liebe Mütter und Väter, dürfen wir das tun, von dem WIR denken, dass es das Beste für unsere Kinder ist! Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass die pädagogisch wertvollsten Entscheidungen intuitiv getroffen werden. Bauch ja, Kopf nein. Eine Offenbarung. Die Sache ist doch die: all die gegensätzlichen Informationen und gut gemeinten Ratschläge zum Thema Kindererziehung können einen schon mal verrückt machen. Kein Ei, ein Ei oder fünf Ei am Tag? Was heute gut ist für das Kind, ist morgen ein Werk des Teufels. Die Empfehlungen sind sehr allgemeingültig und ändern sich so schnell, wie der Wind dreht. Stillen oder nicht, Kita oder nicht, Pampers oder nicht. Das schlechte Gewissen ist festes Mitglied unseres Haushalts und teilt sich sein Zimmer mit dem Zweifel.

Unsere liebsten Ratgeber, die sozialen Netzwerke, haben den Nachteil, dass sie auch dem unqualifiziertesten Selbstdarsteller eine Plattform bieten. Im Netz wimmelt es nur so von Fehlinformationen. Erbitterte Diskussionen und tausende erhobene Zeigefinger gibt es frei Haus, selbst an der gesündesten, umweltbewusstesten und pazifistischsten Lebensweise wird noch jemand etwas auszusetzen haben. Was werde ich heute wieder für Schindluder treiben?, frage ich mich im Innern. Ist Frau Ulrike F. aus W. an der E. vom netmoms-Forum nicht vielleicht geeigneter, mein Kind zu erziehen?

Hier kommt Go-Parenting ins Spiel, das gelebte Vertrauen in die gute, alte Intuition. Wir haben unser Bauchgefühl doch wohl nicht alle an der Garderobe abgegeben, oder? Das Go-Parenting bietet einen völlig neuen, beinahe revolutionären Ansatz: Wir sollten das tun, was wir selbst für richtig halten und aus innerster Überzeugung dementsprechend handeln.

Ich demonstriere: meine vierjährige Madame kann abends nicht einschlafen. Es ist schon nach zehn, sie verlangt einen Apfel. Hallo, Dilemma! In meinem Kopf rattert es. Die Zähne sind längst geputzt. Ich darf das Kind nicht verwöhnen. Ich darf nicht immer nachgeben, sonst tanzt mir meine Madame von diesem Moment an jeden Tag für immer und ewig auf der Nase rum. Mir fällt der Spruch einer Erzieherin ein, die mich unlängst beschwor: „Sie dürfen auf keinen Fall nachts etwas zu essen anbieten. Daran gewöhnt sich der kleine Körper und dann wacht das Kind fortan jede Nacht auf vor Hunger!“ So weit, so nachvollziehbar. Konditionierung und so. Ob es stimmt, sei dahingestellt. Mein Bauch allerdings hat in diesem Moment meinem Kopf einen kräftigen Arschtritt verpasst und gesagt: „Das Kind hat Hunger und kann nicht schlafen! Kannst DU etwa schlafen, wenn du Hunger hast? Wer bist du, dass du deinem Kind einen verdammten APFEL verwehren willst??? Da predigst du nun tageintagaus den lebenswichtigen Konsum von Obst und Gemüse, und dann das, du schlangenzüngiges MONSTER! Pfui!“

Mit solch einem Gegenwind hatten meine Zweifel nicht gerechnet, sie reichten auf der Stelle Betriebsurlaub ein. So ging ich in die Küche, schnitt einen Apfel, das Kind aß, wir pfiffen auf’s nochmalige Zähneputzen und Madame schlief glücklich und zufrieden ein. Das ist Go-Parenting in Reinform. Danke, Bauchgefühl. Ich werde in Zukunft öfter auf dich hören, denn du erleichterst mir mein Leben. Ich pfeife auf alle muffigen Erziehungsratgeber und Pädagogenideen von vorvorgestern, auf Omas, Opas und Schwiegermütterratschläge. Ich erziehe intuitiv, das Prinzip des Go-Parenting im Rücken!

Ein weiteres Beispiel: Während der Kita-Eingewöhnung meines Sohnes ließ ich nebenbei gucken, dass der Monsieur bei der Tagesmutter ab und an Salzstangen zum Vesper bekommen hatte. Warum ich diese Information nun unbedingt mit dem Feind teilen musste, weiß ich nicht mehr. Die zukünftige Bezugserzieherin konnte sich jedenfalls einen auffällig erschreckten Augenaufriß nicht verkneifen. „Um Himmels willen, Salzstangen“, stand in ihrem Gesicht geschrieben, „Salzstangen of Death!“ Auch bei uns zu Hause gibt es ab und an Salzstangen. Das habe ich aber nicht verraten, aus Angst, man würde mir umgehend mein Kind wegnehmen. In mir stieg eine leise Panik hoch. Hatte der monatelange Konsum von 2 bis 3 Salzstangen zum Vesper einmal in der Woche meinen Sohn bereits langfristig geschädigt, wird er nun später kein Abitur machen können wegen frühkindlicher Salzstangenvergiftung?

Heute weiß ich: Nein. Mein Kind wird leben. „Kindgerechte“ Produkte wie „Laugengebäck Kichererbse mit Dinkel ohne Aufstreusalz“ (Aaarghhhhhh! Aufstreusalz!!!) gibt es übrigens auch nur deshalb, weil jemand damit viel Geld verdient. Und das „kindgerecht“ kein Synonym für „gesund“ ist, wissen wir spätestens seit den Hipp’schen Babykeksen. Intuitiv ahnen wir doch bereits, dass eine gesunde Ernährung für Kinder wenig Zucker, wenig Salz, viel Obst und noch mehr Gemüse bedeutet. Nun dürfen wir diese Ahnung auch umsetzen. Das Konzept des Go-Parenting besagt, das wir fortan auch offiziell unsere eigenen Kinder so erziehen können, wie wir es für richtig halten. Es befreit uns vom ewigen Zweifel. Schließlich sind wir ja auch diejenigen, die mit den Konsequenzen unserer Erziehung leben müssen. Wir sollten das Vertrauen in unsere naturgegebene Entscheidungsfähigkeit wieder gewinnen. Wir zweifeln ohnehin viel zu viel, an unserem Aussehen, an unserer Berufswahl, unserem Lebensweg. DAS. MUSS. AUFHÖREN. Wir werden nicht alles richtig machen, aber eben auch nicht alles falsch. Wie so ein Mensch. Wir wollen schlicht das Beste für unsere Kinder.

Es ist doch wunderbar, dass wir uns heutzutage so viele Gedanken über unsere Kinder machen. Das heißt, wir reflektieren über unser Verhalten. Es wird nicht blind nach Schema F oder irgendeinem fragwürdigen Leitspruch erzogen. Natürlich gibt es Eckpfeiler bzw. gewisse gesellschaftliche Konventionen, die ich sehr wichtig finde. Dazu gehören Toleranz, Ehrlichkeit, Respekt und Hilfsbereitschaft, um nur einige zu nennen. Zum Wortschatz meines zweijährigen Sohnes zählen bereits die Worte „Butteschun“ und „Dunkeschun“. Wir freuen uns darüber, weil und wie er es sagt, und dann freut er sich, weil wir uns freuen. Win-win.

Ich gehe intuitiv mit gutem Beispiel voran. Ich sage meinen Kindern nicht, „Du musst jetzt aber danke sagen“, jedoch bedanke ich mich im Alltag immer dann, wenn es angebracht ist. Danke für das Wechselgeld, danke für das Brötchen, danke für den schönen Tag, liebe Sonne. Ich sage „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. Leider habe ich den Eindruck, dass sich manche Eltern heutzutage ausschließlich auf ihre Kinder konzentrieren, dabei aber die Bedürfnisse anderer großer (und kleiner) Menschen in ihrem Umfeld kaum wahrnehmen.

Betrete ich zum Beispiel die Kita-Garderobe, dann blicken die anwesenden Eltern höchstens kurz und erschreckt auf, gegrüßt wird jedoch fast nie. Beim Anziehen höre ich Mama oder Papa dann aber so etwas flöten wie: „Ach mein kleines Zuckerpüppchen, meine Süße, mein Goldkind, schönste Prinzessin auf Erden! Was darf ich Ihnen heute kaufen, Majestät, zwölf Eis und eine neue Barbie?“ Sprechen können sie also. Allerdings haben sie gerade die bedürfnisorientierte Erziehung ad absurdum geführt.

Natürlich sollte man sein Kind nicht mit „Wie siehst du denn schon wieder aus, du Ferkel!“ begrüßen, gefolgt von einer schallenden Ohrfeige. Aber das ganze Süßholz macht aus den beraspelten Kindern bestimmt auch keine next-generation-Ghandis, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich übertreibe gern. Man darf sich vor lauter Bedürfnisbefriedung nur nicht wundern, wenn die Prinzessin eines Tages nur elf Eis bekommt und dann eine Szene macht.

Wir Eltern sind auch nur Menschen, unsere Mittel sind begrenzt. Unsere Kraft ist nicht unerschöpflich. Doch wenn wir bestimmte Verhaltensweisen einfach vorleben, ist manche Arbeit schon ganz nebenbei getan. Go-Parenting lässt auch Raum für intuitive Entscheidungen, die von der Über-Eltern-Community geächtet werden. Weil wir nicht perfekt sind und es auch mal Pizza mit Pommes geben darf. Und wenn es uns das Leben auch nur für eine Millisekunde leichter macht, dann her damit.

Ein wichtiger Teil der intuitiven Erziehung ist auch, so heißt es, die Konsequenz. Kinder sollen sich auf unser Wort verlassen können. Wenn ich beispielsweise sage, „Nach der Folge ist Schluss“, ist Schluss. Darauf folgt meist ein hübsches Potpourri aus Augenrollen, Gejammer und Gemecker. Da musst du durch, mahnt mein Bauchgefühl den schwachen Geist, der bereits fieberhaft Alternativlösungen durchspielt. Mir fällt auf: Ich muss meine Kinder gar nicht bis zum Tag ihres Auszugs vor Enttäuschungen bewahren. Das Elternhaus hat Hafen zu sein, nicht Paralleluniversum.

Mindestens genauso wichtig ist die „positive Konsequenz“, da kann man sich nämlich mal schön an die eigene Nase fassen. Wenn ich meiner Tochter also verspreche, dass wir am Nachmittag gemeinsam puzzeln, dann puzzeln wir nachmittags zusammen. Was ich nicht einhalten kann, verspreche ich auch nicht. Ich bin bewusst zuverlässig. Wer soll der Fels in der Brandung für unsere Kinder sein, wenn nicht wir Eltern? Meine Kinder sollen wissen, dass ich sie liebe, respektiere und sie niemals im Stich lassen werde. Sie dürfen auch wissen, dass ich nicht perfekt und unfehlbar bin, deshalb entschuldige ich mich, wenn ich mich ungerecht verhalten habe. Ich gehe mit positivem Beispiel voran und kann getrost auf erzieherische Maßnahmen verzichten.

Bis zum nächsten innerlichen Konflikt.

Und zwar las ich letztens einen Artikel, der mich wieder einmal lange beschäftigt hat. In dem Beitrag wurde impliziert, dass mein Sohn sehr wahrscheinlich später mindestens zum Vergewaltiger würde, wenn ich ihn anhand meiner körperlichen Überlegenheit dazu zwänge, seine Zähne zu putzen. Abgesehen davon, dass es gar nicht so eindeutig ist, wer der körperlich Überlegenere von uns beiden ist (siehe: mein Sohn, der achtbeinige Aal), war ich zunächst sehr verunsichert. Dann dachte ich an das kleine Mädchen mit den schwarzen Stummelzähnen, das ich einmal gesehen habe und schob meine Bedenken beiseite. Natürlich wäre es im Sinne aller Beteiligten, würde das Zähneputzen reibungslos ablaufen. Tat es aber nicht, so sehr ich auch mein Verständnis verbalisierte und versuchte, einen Lacher zu landen. Es tut mir leid, Sohnemann, ich kenne dein Bedürfnis, du möchtest jetzt lieber nicht die Zähne putzen. Ich auch nicht. Wir putzen trotzdem.

Monsieur bedarf es übrigens auch stets des Springens aus höchsten Höhen, ein Ausflug zum Burj Khalifa, inklusive Hand-in-Hand-hinunterhopsen, ist trotzdem nicht geplant. Es spricht der gesunde Menschenverstand aus mir, und den muss mir kein Pädagoge vorher bescheinigt haben. (Allen Lesern, in deren Stirn sich immer tiefere Sorgenfalten eingraben, sei versichert: Mittlerweile klappt das Putzen ganz ohne Tränen. Puh, kein Zahnbürstentrauma.)

So ist es doch mit der Erziehung, stets beschleicht einen das komische Gefühl, man könnte etwas falsch machen. Oder zumindest gar nichts richtig. Alle Erziehungsratgeber der Welt konnten mir dieses Gefühl bisher nicht nehmen.

Es gibt nämlich gar kein universelles „falsch“ oder „richtig“, kein schwarz oder weiß. Die Wege unserer Elternschaft sollten so individuell sein, wie die Menschen, die wir begleiten. Go-Parenting hat mir geholfen, meinen Weg zu finden. Ich horche einfach öfter in mich hinein, als mir Rat von Menschen zu suchen, die mich und meine Familie gar nicht kennen. Liebe Eltern, lasst euch von anderen nicht verrückt machen. Lasst euch nicht von irgendwelchen Trends diktieren, was ihr zu tun habt, schaut nicht ständig nach links und rechts. So kommt man ja gar nicht voran.

Hört hin und wieder auf euer Bauchgefühl, vertraut eurer Intuition. Das ist es, was Go-Parenting bedeutet. Ein schmissiges Konzept, oder? Fein. Ich habe es mir auch höchstselbst für euch ausgedacht.

Hochachtungsvoll

Eure Jasmin, Medicus ex Imaginatio.

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3 thoughts

  1. Sehr hübsch geschrieben! ^^
    Da ich phasenweise immer mal wieder völlig hinter dem Mond lebe, habe ich Dir den „neuen Trend“ sogar abgekauft. Das „„Go“ ist englisch und steht für „gut-oriented““ irritierte mich zwar, aber dennoch… 😀

    Wenn Ratschläge gegeben werden, sollte am Ende am besten Dein Satz „Die Wege unserer Elternschaft sollten so individuell sein, wie die Menschen, die wir begleiten“ zur Erinnerung gesetzt werden. Scheinbar wird oft vergessen, dass Ratschläge keine Anweisungen sind…

    Liebe Grüße aus Berlin!

    Gefällt 1 Person

  2. Danke, liebe Prinzen-Mami! Ja, jeder sollte doch so erziehen, wie er es für richtig hält, es gibt kein „richtig“ und „falsch“. Natürlich sind wir Eltern auch immer mal wieder unsicher und suchen Rat, weil nicht alles so läuft, wie wir es uns vorstellen. Ich hole mir gerne Inspirationen von anderen Blogs, aber es lässt sich eben nicht alles eins zu eins umsetzen. Zum Glück! Sind ja meine Kinder :)
    Ich mag Deinen Blog sehr, weiter so!

    Liebe Grüße nach Berlin-Moabit aus Berlin hinten unten rechts!

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