Das Gipfeltreffen

Gegenwart. Elfenbeinturm. Tags.

In den Hauptrollen: Drei Experten. Einige Nebenrollen.

Der Erste: Ihr kennt die Zahlen?

Der Zweite: Ja. Alarmierend.

Der Dritte: Alarmierend!

Der Erste: In der Tat. Es ist also nun so, dass wir mit unseren Geschäften nur noch 700 Prozent Gewinn machen.

Der Zweite: 700 Prozent? Das ist zu wenig. Wie soll ich meine Familie ernähren? Ich denke ans Aussteigen. Aber die Abfindung von 18 Jahresgehältern, das ist natürlich zu wenig. Das deckt nicht mal meine Benzinkosten.

Der Dritte: Das ist ja das Problem. Wir müssen mehr Gewinn machen. Viel mehr. Als würden wir den Hals nicht voll kriegen. Mehr ist ja schließlich mehr.

Der Erste: Aber wie stellen wir es an? Dass uns die Leute weiterhin nicht auf die Fährte kommen?

Der Dritte: Nun, wir setzen Trends. Erfinden neu. Dinge, die es noch nie gegeben hat! Da müssen die Idioten doch zuschlagen.

Der Zweite: Bärte zum Beispiel.

Der Erste: Du meinst, die Männer sollten ab jetzt Bärte tragen?

Der Zweite: Genau. Der Neandertaler. Der Ur-Mann. Der Macher! Der Mann, der aus dem Dschungel kam.

Der Dritte: Und dann? Wo kommt der Gewinn ins Spiel, wo ist ganze Geld, das wir zu verdienen haben?

Der Zweite: Das liegt doch auf der Hand. Wenn Männer neuerdings Bart tragen, was sie noch nie gemacht haben in den vergangenen Jahrhunderten, es sei denn sie lebten völlig verwahrlost unter Tage, brauchen diese Männer nicht auch mehrere Serien schlichtweg überflüssiger Bartpflegeprodukte?

Der Erste: Genial. Öle, Pomaden, Cremes. Die Produktpalette ist schier endlos. Und neue Rasierer! Stellt Euch vor wie viele Klingen so ein bescheuerter Bart benötigen wird! Dutzende!!!!

Der Dritte: Das braucht der Verbraucher. Herrlich, mir wird ganz warm ums Herz.

Der Zweite: Es ist wie mit den Cremes. Wisst ihr noch, wie wir die Männer davon überzeugen konnten, sie bräuchten eigene Cremes?

Der Erste (lacht): Ich erinnere mich. Das war ein Coup! Überhaupt ist ja allegemein bekannt: Creme ist nicht gleich Creme. Was zum Beispiel für die Haut ab 30 gut ist, kann für die Haut ab 32 tödlich enden. Ein Naturgesetz! Genauso verhält es sich mit Frauencremes. Das sind Cremes, entwickelt für die in Teilzeit arbeitende Haut, die sich nebenbei um Kinder und Haushalt kümmert. Selbstverständlich an Tieren getestet, Kaninchen zum Beispiel. Kaninchenhaut ist quasi identisch mit Frauenhaut.

Der Dritte (fällt dem Zweiten übereifrig ins Wort): Ganz anders Männerhaut!!! Männerhaut ist Vollzeithaut! Männerhaut ist Führungshaut! Männerhaut schert sich nicht um den Abwasch oder andere niedere Tätigkeiten. Männerhaut ist zu Großem berufen! Deshalb die völlig unterschiedlichen Inhaltsstoffe in Cremes für Männer. Es hat ja viel Zeit gekostet, den Männern zu verklickern, dass sie ihre eigenen Überachiever-Cremes brauchen, statt heimlich in den Cremetöpfchen ihrer Frauen herum zu panschen, wenn die Arbeiterhände mal wieder trocken waren. Aber wir waren erfolgreich. Mein Klopapier ist mittlerweile mit Goldfäden durchwoben.

Der Zweite: Klingt sehr bequem, das brauche ich auch. Weiter so, meine Brüder. Keep it coming. Was sagt überhaupt die Marktforschung?

(Die Marktforschung legt ihre Ergebnisse vor.)

Der Dritte: Das ist interessant. Die Menschen mögen neuerdings Erdtöne, grün und braun, so als würden sie sich einen Dreck darum scheren, dass es mit der Welt zu Ende geht? Da können wir was draus machen.

Der Zweite: So würde ich das auch interpretieren. Was bei Fleisch, Milch oder Kaffee funktioniert, muss auch anderswo funktionieren.

Der Erste: Ich denke wieder an die Kosmetik. Aber kackbraunes Duschgel, ich weiß nicht.

Der Dritte (hat einen Geistesblitz): Warum nicht ganz auf Farbe verzichten? Ich weiß, in der Lebensmittelindustrie haben wir es vor vielen Jahren schon einmal versucht, und Pepsi Crystal war ein Reinfall. Die Menschen waren noch nicht bereit für soviel Echtheit, für die Absenz der schillernden Farben, manche hatten die Farbe „bunt“ doch gerade erst kennen gelernt. (Deutet unauffällig auf den einzigen Ostdeutschen in der Runde, den dritten Wirtschaftsweisen, der aber gerade nicht zuhört, weil er damit beschäftigt ist, dem Kapitalismus die Hand zu küssen) Aber jetzt! Jetzt haben sie alle Farben gesehen, sie sind sich des Schillerns überdrüssig. Am Ende ist es auch noch günstiger für uns, so ohne Farbstoffe.

Der Zweite: Sicher. Aber wir können doch nicht einfach, so mir nichts, dir nichts, die Farbstoffe weglassen. Man könnte denken, uns wären die Ideen ausgegangen. Welchen Grund können wir uns für die Transparenz aus dem Kreuze leiern???

Der Erste: Klarheit. Echtheit. Das pure Leben. Die ungeschminkte Wahrheit. (Lacht schallend und fällt vom Stuhl.)

Der Dritte: Kokoswasser.

Der Zweite: Kokoswasser?

Der Dritte: Kokoswasser. Jeder Mensch weiß doch, das Kokoswasser so klar ist wie der wolkenlose Nachthimmel bei Minusgraden. Wir sagen einfach „Da ist Kokoswasser drin, ihr Deppen“, natürlich etwas schmissiger formuliert, aber so in die Richtung, und alle Deppen denken so „Oh! Kokoswasser! So rein, so gesund! Kokoswasser, darin baden nur die Reichen und Schönen!“ Und die etwas weniger Depperten denken vielleicht noch „Na, wenigstens kein Palmöl!“ und zack, verkauft sich wie warme Semmeln, der Rotz. Und wenn es allen langweilig wird mit dem Kokoskack, dann schmeißen wir noch Aloe Vera dazu, oder Argan-Öl, was auch immer das ist, und eines Tages wandern auch Chiasamen und Acerolakirschen und Gotchabeeren, Gotchibeeren?, in die Tube. Gojobeeren??? Verflucht, die Dinger, diese Superbeere, die es vorher nicht gab und ab jetzt die einzig gesunde Beere auf dieser hilflosen Erde ist! Die den Zucker aus dem Müsli saugt oder was auch immer für Superkräfte wir uns für diese verdammte Beere ausgedacht haben…

Der Erste: Die Gojibeere?

Der Dritte: DIE MEINE ICH!!!! Hauptsache es klingt irgendwie ausländisch. Geradezu archaisch. So, als wenn auch Kleopatra sich damit das Poloch massiert haben könnte. Warum sollten wir die Superfood-Goldmine allein der Lebensmittelindustrie vorbehalten?

Der Zweite: Weise Worte. Aber ich habe noch Größeres im Sinne. Eine Revolution sozusagen. Haltet mich für verrückt, aber was denkt ihr über Nachhaltigkeit?

Der Erste: Klingt teuer.

Der Zweite: Auf den ersten Blick! Aber, wo sich eine Tür schließt, öffnen sich viele neue. Wir wär’s, wenn wir uns diesen neuen, pseudo-umweltfreundlichen Gedanken zu Nutze machen? Wir könnten zum Beispiel die Plastiktüten wieder abschaffen, wir haben soviel damit verdient, es langweilt mich direkt.

Der Erste: Vergesst nicht die nette Marion, unser liebstes Püppchen, die Politik! (Winkt die Politik an den Tisch.) Hör mal, Schätzchen. Wir haben da eine Idee. Du musst was Krasses machen. Du wirst die Plastiktüten verbieten!!! Aber erst ab 2586! Wir müssen noch unsere Schäfchen ins Trockene bringen, das dauert seine Zeit.

(Die Politik klimpert mit Ärmchen und Beinchen, ganz aufgeregt, als wolle sie etwas sagen. Sie hat aber leider keine Stimme. Dann nickt sie, denn sie weiß, sie wird sich mindestens zwei neue Kleidchen kaufen können.)

Der Dritte: Das wird eine Revolution! Nur, womit gehen die Leute dann einkaufen? Da brauchen wir was anderes. Vielleicht … Körbe? Oder Einkaufsnetze? Das wär krass, ja, das hat die Welt noch nicht gesehen. Und wenn wir schon dabei sind: Weg mit ein paar Verpackungen! Die Menschen sind allzu bequem geworden. Ab jetzt müssen sie sich selbst kümmern. Ganz einfach. Es wird Läden ohne Plastikverpackungen geben, die Dinge werden, na, vielleicht einfach abgewogen oder so! Passend zur DIY-Bewegung. Packt euren Scheiß doch selber ein! Das erspart uns zusätzlich die horrenden Personalkosten.

Der Erste: Das bringt die Wende. Das ist neu. Dass da vorher noch keiner drauf gekommen ist! Was wäre gar, wenn der Wissenschaft nun auffiele, dass dieser ganze Plastescheiß Mist ist? Ungesund? Und obendrein schlecht für die Umwelt? (Lehnt sich nach hinten.) Wissenschaft, kannst Du da was draus machen?

(Die Wissenschaft gesellt sich erhobenen Hauptes an den Tisch.)

Die Wissenschaft: Ich hatte diese Erkenntnis schon vor Jahren, so wie jeder vernunftbegabte Mensch auf dieser Welt. Darum gibt es ja den Trend des bewussteren Konsumierens.

Der Zweite: Mag sein. Ich habe nie zugehört. Ist mir alles zu hoch, dieses Gerede von Ursache und Wirkung. Ich war nie gut in Biologie. Jedenfalls müssen wir uns das zu Nutze machen, dieses neue „Umweltbewusstsein“. Nicht ohne den Spiess umzudrehen, natürlich! Nicht wir, die Produzenten, sind Schuld an der Misere, sondern die Verbraucher! Was konsumieren sie auch jahrelang so blind und ohne zu hinterfragen???

Die Wissenschaft (wird im Stuhl immer kleiner): Es wird wie immer recht kostspielig, eure absurden Ideen wissenschaftlich zu untermauern.

Der Erste: Das muss es uns wert sein. Uns fällt schon was ein, wie wir das Geld wieder reinholen. Die Verbraucher sollen das bezahlen. Nachhaltigkeit ist eben teuer! Natürlich kostet eine Gurke aus Deutschland mehr als eine aus Spanien. NATÜRLICH ist es billiger, in China zu produzieren, als bei uns. Wer diese Logik nicht versteht, dem ist nicht mehr zu helfen. Das haben die Leute nun von ihrem Ökogetue. (Streckt die Zunge raus und macht eine lange Nase.)

(Die Wissenschaft trollt sich vom Tisch. Sie ist wütend, aber hilflos. Auch sie muss ihre Rechnungen bezahlen.)

Der Dritte: Die meisten machen sowieso weiter bis bisher, diese Vollpfosten. Ach ja, da war doch noch was. (Überlegt zwei, drei Stunden.) Richtig, da ist es wieder. Nicht, dass es für uns von Bedeutung wäre, aber was machen wir eigentlich mit dem ganzen Müll, der sich in den Weltmeeren zu so hübschen, kleinen Inseln zusammengefunden hat? Besiedeln?

Der Erste: Pah, das kann uns ja nun wirklich egal sein. Ich denke, wir sollten auch endlich Feierabend machen. Mir raucht schon der Kopf.

Der Zweite: Eine letzte kleine Frage habe ich noch, wo wir gerade so gemütlich beisammen sitzen. Gestern ist sie mir eingefallen. Achtung, es wird höchst philosophisch, aber einen Versuch ist es wert. (Macht eine dramatische Pause).

Wie stellt ihr euch die die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder, ja, die Zukunft des gesamten Planeten Erde, vor?

Der Dritte: Ich habe keine Kinder.

Der Erste: Welche Zukunft?

 

 

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