Body shaming, mommy wars, Zickenterror: Warum wir Frauen zu doof sind, uns zu lieben  

Ein schwieriges Thema so kurz vor Weihnachten, ich weiß. Es ist auch irgendwie schon ein altes, müßiges Thema. Aber diese letzte Zeit im Jahr ist auch die Zeit, in der wir das vergangene Jahr in Revue passieren lassen und uns überlegen sollten, was wir im nächsten Jahr besser machen können. Oft sind es die einfachen Dinge, die zählen. Zu diesen einfachen Dingen gehört, dass man anderen Menschen mit Respekt begegnet, und das auch, so bescheuert es jetzt klingen mag, virtuell. Und jetzt eiskalt rein ins Thema.

Morgens, halb zehn in Deutschland. Ich bringe meine Tochter in den Kindergarten, wir gehen zu ihrem Fach, ziehen Jacke und Schuhe aus. Ein Mädchen aus ihrer Gruppe steht neben uns und beobachtet. Plötzlich sagt es, so vorwurfsvoll wie ein kleines Mädchen es eben vermag, zu meiner Tochter: „Das Kleid hattest du doch gestern schon an!“

Ich dachte ich falle nach hinten um. Meine Tochter guckt mich verunsichert an, sagt aber nichts. Normalerweise ist sie nicht auf den Mund gefallen und gibt kontra, wenn ihr was nicht passt. Nicht so jetzt. Sie sucht meinen Blickkontakt und verstohlen auch ein Alternativ-Kleid in meinen Händen. Ich entschärfe die Situation mit einem flotten Spruch in Richtung Anklage und wechsele Thema.

Dass ein 5-jähriges Mädchen mich für einen Moment sprachlos macht, hatte ich nicht kommen sehen. Ich denke oft an diese Situation zurück und frage ich mich immer wieder wie ich es schaffen kann, meine Tochter zu einer selbstbewussten Frau zu erziehen. Eine Frau, die stolz auf sich ist und sich von niemandem sagen lässt, sie wäre nicht schlau genug oder schön genug für irgendwas. Eine Frau, die ihre Meinung sagt ohne zu verletzen, ihren eigenen Weg findet ohne über Leichen zu gehen und einzigartig ist, ohne dabei überheblich zu sein.

Diese Situation, so winzig sie auch gewesen sein mag, war für mich wie ein Blick die Zukunft. Und auch kleiner Spiegel unserer Gesellschaft. Oberflächlich, konsumgeil, niemals zufrieden. Zu viele Geschenke, zu wenig Zeit zum Reden. Unsere Kinder machen oft nicht das, was wir wollen, aber bestimmt tun sie das, was wir ihnen vorleben, zu Hause und im Umgang mit anderen. Mich ärgert es oft, dass soziale Netzwerke den Mädchen und Frauen heutzutage eine Plattform bieten, um sich gegenseitig ungestraft schlecht zu reden. Und das ist noch milde ausgedrückt. Werden wir denn wirklich ständig nach unserem vernichtenden Urteil gefragt? Eine Frau kann es einer anderen Frau sowieso nicht recht machen: ist sie schlank, wird ihr Magersucht unterstellt. Ist sie dick, wird sie schlimm beschimpft und ausgelacht. Dahinter steht, wie ich glaube, nichts anderes als Neid und Unzufriedenheit. Sozial sind die Netzwerke somit sicher nicht.

 

Liebe Frauen: Wir gelten sowieso als das „schwache“ Geschlecht in unserer Gesellschaft. Wir verdienen weniger, arbeiten seltener in Führungspositionen und sind überproportional häufig in gering angesehenen, „typischen“ Frauenberufen tätig. Das sind die sogenannten fünf C’s: Cleaning, Catering, Caring, Cashiering and Clerical, also Putzen, Kochen, Pflegen, Kassieren sowie Büro- bzw. Schreibarbeit.
Ich will jetzt nicht die Feminismus-Keule schwingen, es kotzt mich lediglich an, dass viele Frauen anscheinend nichts Besseres zu tun haben, als anderen Frauen Steine in den – sowieso sehr steinigen! – Weg zu legen. Andere fertig machen ist und bleibt scheiße. Ein paar Beispiele:

Mom shaming ist scheiße. Julia Stiles, Schauspielerin, frischgebackene Mutter und übrigens ein ganz normaler Mensch, formulierte neulich sehr treffend:

„Instead of writing snarky comments about a five-week-old, try dancing around your living room to a Clash record. It’s way more fun.“

Doch was war passiert, was hatte das Stiles-Baby den Menschen angetan? Nun, Frau Stiles hat auf Instagram ein Bild von sich und ihrem fünf Wochen alten Baby gepostet, welches sie sich vor den Bauch geschnallt hatte. Daraufhin hagelte es Hass-Kommentare, Beschimpfungen und erhobene Zeigefinger ob ihrer Vorbildfunktion. Ich finde das unmöglich. Hätte Julias Stiles gefragt „Hey Leute, ich habe keine Ahnung ob ich das hier richtig mache, trägt man ein Kind so?“ würde ich die Welle der Empörung besser verstehen. Warum müssen einige Frauen ständig ungefragt ihre Meinung kundtun? Wahrscheinlich leiden sie am Schwiegermuttersyndrom.

Eigentlich müssen wir Frauen uns nämlich gar nicht ständig rechtfertigen. Wir sind furchtbar schlau, multitaskingfähig und wahre Halbgöttinnen was die emotionale Intelligenz und unseren Wortschatz angeht. Wir haben auch einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Männern: Wir können Kinder kriegen. Kein Grund uns gegenseitig Vorträge über Kindererziehung zu halten. Eher ein Grund dafür, uns gegenseitig auf die Schulter zu klopfen für soviel Mut, Kraft und die Bereitschaft zur zeitweiligen Selbstaufgabe!

Aber wir haben Zweifel. Dabei basiert unsere liebste persönliche Baustelle, nämlich unser Aussehen, größtenteils auf Genetik. Und doch haben mir andere Mädels von der Grundschule bis in meine späten Zwanziger immer erzählt, ich wäre zu dünn. Zu wenig Busen. Kennt ihr den Spruch „Kein Arsch, kein Tittchen, sieht aus wie Schneewittchen“? Der hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt und seither Raubbau an meinem Körpergefühl und meinem Selbstbewusstsein betrieben.

Ich habe mich für mein Aussehen geschämt, konnte aber nichts dafür und nichts dagegen tun. Ich war unglücklich und habe auch im Sommer lange Hosen getragen um meine dünnen Beine zu verstecken. Jetzt, nach zwei Schwangerschaften und mit ein paar Kilos mehr an den üblichen Stellen trage ich weiterhin lange Hosen im Sommer. Ich bin wieder einmal nicht mit meiner Figur zufrieden. Busen immer noch klein, Bauch, Beine, Po zu dick. Ich wäre gerne so schlank wie früher, welch Ironie. Stattdessen bin ich nun seit über zwanzig Jahren unglücklich mit der Figur, die ich nun einmal habe.

Ich möchte nicht, dass sich meine Tochter in den Jahren ihres Lebens, die eigentlich die unbeschwertesten sein sollen, genauso fühlt. Wenn sich in unserem Umgang miteinander nichts ändert, wird sie es schwerer haben als ich, denn jetzt werden nicht nur die Mädchen aus ihrer unmittelbaren Umgebung, sondern auch völlig fremde Frauen ihr Aussehen kommentieren.

Body shaming ist einfach scheiße. Nichts gegen Sport und gesunde Ernährung, aber es ist doch nun wirklich egal, wer wieso wie viel wiegt. Nur weil jemand Teil des öffentlichen Leben ist – und das sind wir als freiwillige Mitglieder der sozialen Netzwerke übrigens alle – sind doch nicht plötzlich alle Regeln des sozialen Verhaltens außer Kraft gesetzt!

Ich habe festgestellt, dass ich wohl nicht mehr viel Zeit dafür habe, meine Tochter auf die gemeine Welt da draußen vorzubereiten. Die Gemeinheiten haben bereits einen Weg in ihre Lebenswelt gefunden. Noch sind es Kleinigkeiten, die mich aufhorchen lassen. So interessiert sie sich zum Beispiel sehr für Schminke und imitiert mich gerne mal vorm Spiegel. Sie fühlt sich dabei wie ein großes Mädchen und eifert natürlich auch ihren Vorbildern nach, den Disney-Prinzessinnen, Superheldinnen und Annaelsas dieser Welt. Sie liebt Kleider, funkelnden Schmuck und „Stockschuhe“. Steht auf pink, Glitzer, Ballett. Das stört mich nicht. Ich werde ihr Barbies nicht verbieten und sie auch nicht dazu zwingen, doch bitte dieses unrealistische und gegenderte Frauenbild zu verurteilen. Oder nur noch grüne Hosen kaufen. Aber.

Meine vierjährige Tochter sagte mir kürzlich, dass sie sich schminken möchte weil sie nicht hübsch findet. Sie ärgert sich auch über ihren Leberfleck im Gesicht. Das Leberflecken nicht okay sind, haben ihr aber bestimmt nicht ihre Prinzessinnen erzählt. Übrigens hat sie auch abstehende Ohren, das hat im Kindergarten nur noch keiner gemerkt. Ich habe tatsächlich schon mit meinem Mann darüber diskutiert, ob wir ihr die Ohren anlegen lassen sollten. Ich bin dagegen, denn ich finde ihre Ohren toll und sie gehören genauso zu ihr dazu wie ihre große Klappe. Mein Mann ist da anderer Meinung, denn was wir zuckersüß finden, könnte für unsere Tochter später zum Spießrutenlauf werden, sagt er. (Ich weise meinen Mann mittlerweile darauf hin, wenn ich in einem Film eine Schauspielerin mit abstehenden Ohren entdecke. Für den Ernstfall habe ich gedanklich bereits eine Liste aller erfolgreichen Segelohrfrauen präpariert. Wird meine Tochter sich damit zufrieden geben?)

Natürlich ist mein Herzepünktchen wunderschön, wie jede Tochter jeder Mutter. Aber wenn sie lacht, dann ist sie gleich noch tausendmal schöner, und ich wünsche mir, dass sie in ihrem Leben noch sehr viel lacht. Sie soll sich niemals für ihr Aussehen schämen. Schämen müssen sich allein diejenigen, die anderen Menschen psychisches oder physisches Leid antun, ob digital oder im richtigen Leben. Es gilt sich schlecht zu fühlen, wenn man ein Mensch ist, dem das Leid eines anderen Befriedigung verschafft, der Menschen oder Tiere quält und unsere Umwelt zerstört.

Mein Fazit ist simpel: Erst dann, wenn wir Frauen endlich aufhören uns zu boykottieren (heißt es dann girlkottieren?), können wir gemeinsam an unserer Gleichbehandlung und Gleichberechtigung arbeiten.

blogpic-women-united

Wenn wir uns wie dumme, hysterische Weiber gegenseitig erniedrigen, wer soll uns dann Ernst nehmen? Schluss mit Stutenbissigkeit, Zickenkrieg, mommy wars, body, mom, fat oder slut shaming. Wie wäre es stattdessen z.B. mit einer funktionierenden #momunity und #wereallinthistogether?

Wenn eine Frau Hilfe braucht, müssen wir Frauen für sie da sein. Wenn eine Mutter unsicher ist, müssen wir sie bestärken. Wenn eine Frau sich nicht hübsch findet, müssen wir ihr zeigen, dass sie es ist. Wenn sie schön ist, dann dürfen wir es ihr nicht neiden.

Wir müssen unser kollektives Selbstbewusstsein stärken! Wir müssen unsere Unzufriedenheit hinter uns lassen und unsere Wut ablegen. Nur gemeinsam sind wir stark!

Ach ja, und außerdem sollten wir weniger Fleisch essen, vegane Kosmetik benutzen und keinen Pelz tragen. Aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Tag, Sherazade.

Wie immer interessieren mich Eure Gedanken dazu! Habt ihr Erfahrungen mit body shaming usw.? Wie geht ihr damit um?

Da dies mein letzter Beitrag vor Weihnachten war, wünsche ich Euch und Euren Lieben ein fröhliches Weihnachtsfest mit wenig Stress und viel Gemeinsamzeit!

Eure Jasmin

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2 thoughts

  1. Schön geschrieben! Meine Mädels haben – so weit ich weiß – noch keine negativen Bemerkungen zu ihren Aussehen oder Outfits zu hören bekommen. Selbst als meine Große letztes Jahr eine Brille bekam und sich zuerst vor den Reaktionen ihrer Mitschüler gefürchtet hat, waren alle ganz lieb zu ihr. Was ich aber auch wichtig finde: Wie wir Mamas über uns selbst sprechen. Und da muss ich sicher noch an mir arbeiten. Ich muss ja meinen Süßen nicht unbedingt mitteilen, wenn meine Frisur nicht sitzt oder die Jeans zu klein ist. Aber das ist leider nicht immer so einfach …

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Simone,

      danke für Dein Feedback! Ich finde es toll, das Du ein positives Beispiel mit einbringst, das erwärmt mein Herz. Es ist schön zu hören, dass Deine große Tochter keine negativen Erfahrungen mit der Brille gemacht hat und ihre Mitschüler lieb zu ihr sind, denn so gehört sich das auch! Und Du hast Recht: Es ist wichtig, dass auch wir Mütter uns positiv wahrnehmen, denn wir sind Vorbilder und prägen damit auch die Selbstwahrnehmung unserer Kids. Wir sollten öfter zu uns sagen: Hey, du siehst toll aus! Ich habe neulich wieder irgendwo gelesen, dass man sich jeden Morgen im Spiegel selber anlächeln soll. Klingt komisch, soll aber einen sehr positiven Effekt auf’s Gemüt haben. In diesem Sinne sende ich Dir zum Wochenstart ein Lächeln und wünsche Dir und Deiner Familie einen wundervollen Tag!

      Herzlichst, Jasmin

      Gefällt 1 Person

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